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  • SONGLINES_klangkunst

DEN MÖGLICHKEITSSINn KITZELN Mit Kaffe Matthews & Erwin Stache

16.10. – 25.10.20

Kaffe Matthews und Erwin Stache verwandeln Nürnberg für 10 Tage in einen begeh- und befahrbaren Klangparcours. Dabei entstehen mehr als bloß ästhetisch ansprechende Unterbrechungen der urbanen Grammatik: nämlich Werke, die zum Ausprobieren und Mitmachen, zum Erfreuen und Ärgern einladen – Klangkunst, die in den Alltag einbricht, um den Möglichkeitssinn zu kitzeln.

WILLKOMMEN IN DER PoESIE-SONDERZONE

Die Stadt ist immer häufiger Projektionsfläche für Sicherheits- und Renditephantasien, in der sich die jüngste Smart City Vision genauso einfügt wie der Touri-Bespaßungsbau oder der nächste Investoren-Wohnkarton. Die Metropole der Zukunft soll sicher, konsumfreundlich und möglichst ambivalenzfrei sein.

Wo bleiben da die Freiräume der Kunst und ihre Sichtbarkeit im öffentlichen Raum? Wo bleibt sozusagen das Gegenprogramm zu dieser smart-glatten Oberfläche von Investor*innen und Städteplaner*innen?

SONGLINES_klangkunst steht mit seinem Programm für die Sichtbarkeit von Kunst im öffentlichen Raum und für die Verbindung zwischen künstlerischer Exzellenz und den Bewohner*innen einer Stadt, die zu Performer*innen werden. Hier ist die Klangkunst offen für alle Menschen die Spaß daran haben, in Aktion zu treten und zu interagieren. Eine Kunst also, die überhaupt erst zu einem künstlerischen Ereignis wird, weil die Menschen sie aktiv bespielen.

Mit Erwin Stache und Kaffe Matthews haben wir mit der Unterstützung des Klangkunst-Kurators Carsten Seiffarth zwei international renommierte Künstler*innen für Nürnberg gewinnen können. Ihre Installationen befreien die Zuschauer*innen aus der Komparsenrolle und machen sie zu Kompliz*innen einer Kunst, die den öffentlichen Raum erobert, um ihn temporär in Poesie-Sonderzonen zu verwandeln.

MUSIKALISCHE VERUNSIChERUNGSMASCHINEN: ERWIN STACHE

Erwin Stache gehört zu den Pionieren interaktiver Klangkunst. Seine Installationen verbinden Schrott, Alltagsgegenstände und anderweitig Gefundenes zu technischen, aber auch sinnlichen Meisterwerken, deren klangliche Ergebnisse zwischen Beethoven und Kuckucksuhr oszillieren.

Einmal in den öffentlichen Raum gesetzt, fungieren Staches Werke als »Verunsicherungsmaschinen« im besten Sinne: sie stellen Hörgewohnheiten auf den Kopf, sabotieren musikalische Vorurteile und überdehnen den Möglichkeitssinn. Vor allem haben sie aber eins gemein: einen nicht geringen Vorrat an Absurdität und Humor.

Staches Klangkunst tritt nun zum ersten Mal in Nürnberg in Aktion und fordert an ausgewählten Kulturläden dazu auf aktiviert, bespielt und ausprobiert zu werden.

Illustrierte Karte von Nürnberg

INSTaLLATIONEN ERWIN STACHE

Metallrohre dienen als Messfühler.

Werden die Metallrohre berührt oder zwei durch Berührung elektrisch verbunden, fließt ein ganz geringer Strom, etwa der einer Taschenlampenbatterie von einem Pol zum anderen. Das Schwanken des Hautwiderstandes oder der eigens erzeugte Strom, ausgelöst durch unterschiedliche Druckausübung auf das Metall oder unterschiedliche Hautfeuchtigkeit und -konsistenz, beeinflusst Klänge, Töne, und Geräusche. Jede Berührung verändert spürbar Tonhöhe und Klangfarbe. Der Ton wird rauer oder dumpfer, geht nach oben oder nach unten. Man kann sich durch zahlreiche Klänge hindurch bewegen, so als hätte man ein Orchester, welches spontan auf jeden Fingerzeig reagiert. Auch gegenseitiges Berühren, wie das Zwicken in die Nase oder das Ziehen am Ohr kann zum Gestalten von Tönen verwendet werden.

Wenn es zieht, machen wir die Tür zu. Warum nicht wegen des plötzlich aufkommenden Kraches in der Umgebung?

Die Installation »Tür zu, es rauscht!«, die im Rahmen von SONGLINES vom 16.25.10.20 vor dem Gemeinschaftshaus Langwasser zu erleben ist, macht »raumlose« Türen zu Lautstärkereglern. Zwei Tonspuren werden je nach Türbewegung gesteuert. Der Klang wandert vom Rahmen in den Fußboden. Passant*innen können der Illusion, Klänge und Geräusche im öffentlichen Raum steuern zu können, nachgehen. Da ich die vorhandenen Geräusche nicht abstellen kann, füge ich durch das Öffnen der Türen akustische Ereignisse hinzu. Lässt man diese eine Weile wirken und schließt danach die einzelnen Türen, erfährt man durch Reduktion der Geräuschkulisse die verbleibenden Hörereignisse um so stärker.

Die Knackgeräusche mechanischer Programmscheiben älterer Waschmaschinen sind akustisches Ausgangsmaterial. Eine Umdrehung einer solchen Scheibe dauerte normalerweise ein bis zwei Stunden. Jedes Knackgeräusch stand für sich.

Um nun die Geräusche in Beziehung setzen zu können, wurden mit Hilfe von Motorenantrieben die Programmabläufe zeitlich gerafft.

Die Schaltbefehle: Wasser - auf, Trommel - vorwärts, Trommel - rückwärts, Pumpe - ein, Schleudern usw. ... werden nun in weniger als 1 Minute abgearbeitet, ohne natürlich die Vorgänge wirklich auszulösen. Erst jetzt nimmt man klangliche Unterschiede zwischen den einzelnen Schaltgeräuschen, durch unterschiedlich große Bronzefederkontakte bedingt, wahr. Das Ergebnis ist eine Reihe von akustischen Ereignissen, die sich zu einer Art Melodie gestalten.

16 Scheiben drehen sich in verschiedenen Geschwindigkeiten und werden, einer Komposition folgend, ein- und ausgeschaltet. Entsprechende Lichter an den Objekten verdeutlichen die Klangbewegung. Zwei zeitliche Abläufe überschneiden sich, die der fest gestalteten Komposition und die der einzelnen für sich stehenden »Melodien« der Programmscheiben. Damit ergeben sich auch quasi zufällige akustische Anschnitte der einzelnen Aktionen und ständig wechselnde Ton- und Geräuschfolgen.

Ein Ready-made eines Ready-mades. Das technische Objekt wird nicht nur zum Kunstwerk erhoben, sondern gleichzeitig auch verfremdet, ohne dabei die ursprüngliche Form wesentlich zu verändern. 

Die Relais und der Motor bilden eine Rhythmusmaschine. Sie spielt Kompositionen, die ständig wechseln. Auch wenn es eine elektronische Steuerung gibt, so ist doch das Geräusch akustisch. Kein Lautsprecher ist im Einsatz. 

Die »Wundermaschine« ist ein Industrieobjekt, welches aber bewusst gestaltet ist. Es wurden nicht einfach die elektrischen Teile in einen Kasten gesetzt. Der Entwickler arbeitete ähnlich eines Architekten, platzierte die Teile nach Form und Funktion und schuf so eine besondere Ästhetik.

Die ursprüngliche Funktion der Maschine kann man nur vermuten. 

Über den sehr schnell drehenden Motor wurden Zeiten gemessen, um Entfernungen zu Störungen in Erdstromleitungen zu ermitteln. Also eine mechanische Zeitmessung sozusagen. Frequenzerzeugung. Sehr verwirrend.

»Das Megafon versucht, Schall in eine Richtung auszugeben und zu verstärken, um Informationen über große Distanzen zu transportieren. In »Flüster Laut« wird es zum »Leisetöner«. Ein Dialog entspinnt sich, der aber zu nichts führt und nur scheinbare Absprachen trifft. Wenn man flüstert oder leise spricht, muss man um so deutlicher artikulieren, um Inhalte zu vermitteln. Der zu hörende Text vermittelt den Eindruck von Absprachen oder Verabredungen. Ab und zu verlässt die Sprache ihre Funktion als Informationsträger, um mit Lauten geräuschvoll und musikalisch zu variieren. Der Klang der Sprache erinnert an Dadaismus und Lautpoesie. Durch das Drehen der Megafone und das Setzen von Pausen könnte man meinen, die Stimmen hätten Angst vor unerwünschten Mithörern, die ihr imaginäres Vorhaben verraten könnten. Die Übermittlung bleibt geheimnisvoll.«

»Tongefäße sind an Stativen befestigt. Wie große Pilze fügen sie sich in die natürliche Umgebung ein. Pflanztöpfe schließen normalerweise Erde ein, stellen eine Art Abgrenzung dar, haben sozusagen als Gefäß eine Bedeutung, während sie als Klangelemente mit der Öffnung nach unten, den Gefäßcharakter verlieren. Der Schall kann sich in alle Richtungen frei ausbreiten.

Die akustischen Töne werden mit elektronischen Verfremdungen gekoppelt. 

Der Zuhörer hat die Möglichkeit, selbst zu komponieren. Er kann Reihenfolge, Tempo, Zufall oder feste Folge von Tönen und die Art der Mischung zwischen akustischen und verstärkten Klängen beeinflussen. Ein interaktives Steuerpult steht ihm zur Verfügung.«

Die Kuckucksuhr bedient sich einer Vogelstimme zur Zeitansage. Zwei Töne des Kuckucks im Intervall einer kleinen Terz ertönen in der ursprünglicher Konstruktion mit Hilfe von Blasebälgen und Orgelpfeifen.

Die Kuckucksuhr mit ihren Verzierungen und bunten Schmuckelementen verbindet sich oft mit dem Bild eines Kitschobjektes. Im weitesten Sinne ist sie aber auch ein Klangobjekt mit eben diesen beiden Tönen.

Nach dem Motto »Kuckucke aller Länder vereinigt euch zu einem Lied« forschte der Klangkünstler Erwin Strache nach Unterschieden in den Tonhöhen des Kuckucks in verschiedenen Regionen. In der Annahme, dass man die Kuckucke finden könnte, die man braucht, um Lieder zu spielen, vernetzte er sechs elektronisch gesteuerte Kuckucksuhren mit je zwei andern Tönen. Die Vögel müssen sich nun »absprechen«, wann welche Tür zu öffnen und welcher Ton zu singen ist. Die Zeit wird immer nebensächlicher, nun geht es um den Klang, um das Lied.

Mit der Kuckucksuhrenorgel wird der Ton auf akustische Weise mit Hilfe von Orgelpfeifen erzeugt. Um dem Ensemble den Charakter eines Instrumentes zu geben und um die Tonerzeugung sichtbar zu machen, sind die Orgelpfeifen nicht versteckt in der Uhr untergebracht, sondern außen am Gehäuse montiert.

Die Steuerung der Türen erfolgt elektronisch. So lassen sich ähnlich eines Orchestrions automatisch Musikstücke abspielen. Ein ausgeklügeltes Arrangement schafft trotz beschränkter Anzahl von Tönen, ein musikalisch ausgewogenes Klangbild. Jede Melodiebewegung, jeder Akkord kann nachvollzogen werden. Aufgrund der abwechslungsreichen Türaktionen entsteht eine amüsante Geschäftigkeit der Kuckucke. Die musikalische Aktion wird so mit viel Witz und Humor auch zu einem theatralischen Erlebnis. Verstärkt wird dies auch noch durch Nebengeräusche und Lautäußerungen, die ab und zu ertönen.

Die Kuckucke singen Stücke von Beethoven, Mozart, Schumann u.a. und können auch eigens für das Orchester komponierte Stücke aufführen. Meistens wird zu jedem neuen Gastspiel ein neues Stück »eingeübt«. 

 

MIT DEM KÖRPER DER STaDT KOMPONIEREN: KAFFE MATTHEWS

Die Kompositionen der britischen Künstlerin Kaffe Matthews sind Klangtopografien, die sich wie ein Teppich über das Stadtgebiet legen und sich per Spezial-Fahrrad erkunden lassen. »Sonic Bikes« hat die Künstlerin ihre Erfindung genannt – Fahrräder, die mit Lautsprechern und GPS-Tracking ausgestattet sind und die  für die Fahrer*innen die durchfahrenen Stadträume mit den zu hörenden Geschichten und Klängen in eine opernhafte Kulisse verwandeln.

Kaffe Matthews künstlerisches Material ist der Körper der Stadt: ihre Geschichte und Traditionen, ihre Mythen, ihre Konflikte und Brüche, ihre zahlreichen Biografien und gelebten Leben. Sie verwandeln sich in ihren Kompositionen zu Musik, Sound und höhere Poesie – oder anders ausgedrückt: zu klanglichen Nach- und Neubelichtungen der lokalen Umgebung.

 

Illustrierte Karte von Nürnberg

ONE RIVER SIX TuNNELS

Zahlreiche Überraschungen und klangliche Schätze sind auf den Sonic Bikes von Kaffe Matthews an den Ufern der Pegnitz zu erleben. Das Naheliegende, das Historische, das Architektonische und das Soziale – halten Sie inne, um es musikalisch zu entdecken. Sie werden auf Klänge und Frequenzen stoßen, die durch Tunnel verstärkt, durch die Brücken transportiert werden und dabei eine Musik erzeugen, von der Sie vielleicht noch nicht einmal geahnt haben, dass sie existiert.

Zusammen mit jungen Nürnberg*innen haben Kaffe Matthews und das Bicrophonic Research Institute akustische Phänomene entlang des Flusses und der sechs Tunnel erforscht und aufgenommen und zusammen mit weiterem Klangmaterial daraus einen neuen interaktiven Song entwickelt, der über GPS-Daten die Landschaft musikalisch kartografiert.

Auf den Sonic Bikes erfahren sich die Teilnehmer*innen von ONE RIVER SIX TUNNELS im wahrsten Sinne des Worte das Werk und erleben eine einzigartige Komposition, je nachdem welche Wege sie einschlagen, welche Orte sie passieren. Aus passiven Zuhörer*innen werden aktive Klangproduzent*innen, die auf ihren klingenden Fahrrädern durch die Stadt und entlang der Pegnitz das Musikstück immer wieder neu und individuell erzeugen.

Die Sonic Bikes können vom 16.25.10.2020 kostenlos im SONGLINES HUB (Spitalgasse 1) täglich von 1018 Uhr ausgeliehen werden – letzte Ausleihe: 17.00 Uhr!

Schauen sie täglich vorbei und leihen sie sich ihr individuelles Sonic Bike!

Weitere Informationen: Die Ausleihe erfolgt nur nach Hinterlegung des Personalausweises oder Reisepasses. Die Sonic Bikes werden vor jeder Nutzung desinfiziert.

 

 

sonicbikes.net

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